Beitrag zum Call for Papers der GJ:

Was ist unser Anspruch und der Sinn von Bildung?

Nachhaltige Entwicklung als bildungspolitisches Leitbild

Ich muss meinen Kopf fassungslos schütteln. Gerade wollte ich mal nachsehen, was die bayerische Verfassung zum Thema Bildung zu sagen hat. Sie definiert die obersten Bildungsziele folgendermaßen:

„Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden. Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt. Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.”

Mal davon abgesehen, dass nicht nur der Bildungsbereich Schule für das Lebenslange Lernen und für die Bildung der Menschen zuständig ist, sondern auch die Elementarpädagogik, berufliche Aus- und Weiterbildung, Hochschulen, außerschulische Bildung und Weiterbildung, Geragogik oder schlicht informelles Lernen könnte man diese drei Sätze ziemlich zerpflücken. Denn als oberste, wichtigste Bildungsziele „Selbstbeherrschung” oder gar „Ehrfurcht vor Gott” zu benennen, hat mit der heutigen Lebensrealität der Menschheit recht wenig zu tun. Und auch die anderen Ziele, wie etwa „Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne” klingen vielleicht ganz nett, können aber nicht Hauptziel von „Bildung” an sich sein. Die Grüne Jugend stellt demgegenüber einen tieferen und umfassenderen Anspruch an Bildung.

Was muss gelernt werden und mit welchen Fragestellungen muss man sich auseinandersetzen, um dem Ziel einer zukunftsfähigen, nachhaltig lebenden, sozial gerechten Gesellschaft näher zu kommen? Die Antwort darauf lautet seit den 1990er Jahren „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung”. Wenn es darum geht, eine Gesellschaft zukunftsfähig zu machen und wandelnde Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Lebens nicht still und passiv zu erdulden, sondern sich aktiv in die Gestaltung einzubringen, spielt Bildung eine gewichtige Rolle. Bildung für nachhaltige Entwicklung soll die Menschen konkret zur aktiven Gestaltung einer ökologisch verträglichen, wirtschaftlich leistungsfähigen und sozial gerechten Umwelt unter Berücksichtigung globaler Aspekte befähigen. Bildung ist in doppelter Weise für Nachhaltigkeit wichtig: als Weitergabe von nachhaltigkeitsrelevantem Wissen, innerhalb der heutigen Generation und an die nächsten Generationen, und als Kompetenz zur Interpretation und Einordnung von Wissen und zu entsprechendem Handeln. Ihr kommt eine Schlüsselrolle zu, da sie einerseits  für Nachhaltigkeitsprobleme  sensibilisiert  und  andererseits Kompetenzen für deren Bewältigung schafft. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist mehr als Umweltbildung. Sie unterscheidet  sich  von  der  Umweltbildung  ebenso  wie  von  der entwicklungspolitischen Bildung durch einen breiteren und umfassenderen Ansatz, der ökologische, ökonomische und soziale Aspekte integriert („Dreieck der Nachhaltigkeit”).

Die UNESCO beschreibt konkret, was Bildung zur nachhaltigen Entwicklung sein soll:

  • Bildung, die es den Lernenden ermöglicht Fertigkeiten, Kompetenzen, Werte und Wissen zu erlangen, die nötig sind um nachhaltige Entwicklung zu sichern,
  • Bildung auf allen Ebenen und in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen (z.B. Familie, Schule, Arbeitsplatz, Gemeinschaft, …),
  • Bildung, die verantwortungsvolle Bürger schafft und Demokratie fördert, indem Einzelne und Gemeinschaften einerseits ihre Rechte genießen können und sich auf der anderen Seite ihrer Verantwortungen bewusst werden,
  • Bildung für lebenslanges Lernen,
  • Bildung, die die ausgeglichene Entwicklung der Individuen fördert.

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stimmt in der Wichtigkeit von Bildung für nachhaltige Entwicklung mit bisherigen Überlegungen überein. Laut der OECD gibt es drei übergreifende Bildungsziele, nämlich: die Menschenrechte achten zu lernen, demokratisch zu handeln und im Sinne der Nachhaltigkeit agieren zu können.

In der bayerischen Verfassung ist stets von Verantwortungsgefühl oder -bewusstsein die Rede. Das Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung hingegen geht darüber hinaus und hat das aktive Gestalten als zentrales Ziel. Mit Gestaltungskompetenz wird nach Prof. Dr. Gerhard de Haan (Vorsitzender des Deutschen Nationalkomitees für Bildung für nachhaltige Entwicklung) das nach vorne weisende Vermögen bezeichnet, die Zukunft von Gesellschaft, ihren sozialen, ökonomischen, technischen und ökologischen Wandel, in aktiver Teilhabe im Sinne von nachhaltiger Entwicklung modifizieren und modellieren zu können.

Komponenten einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, die gestaltungskompetentes Entscheiden und Handeln ausmachen, sind:

  • Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen
  • Vorausschauend Entwicklungen analysieren und beurteilen können
  • Interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen und handeln
  • Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen und abwägen können
  • Gemeinsam mit anderen planen und handeln können
  • Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen können
  • An kollektiven Entscheidungsprozessen teilhaben können
  • Sich und andere motivieren können, aktiv zu werden
  • Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können
  • Vorstellungen von Gerechtigkeit als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage nutzen können
  • Selbstständig planen und handeln können
  • Empathie für andere zeigen können

Diese Kompetenzen zu besitzen bedeutet, über Fähigkeiten, Fertigkeiten und

Wissensbestände zu verfügen, die flexible und innovative Veränderungen im

Bereich ökonomischen, ökologischen und sozialen Handelns möglich machen. Bildung und Erziehung werden im Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung zu einer Vorraussetzung für Lebensqualität und in mancher Hinsicht auch für das Überleben an sich. Die Förderung der Entwicklung von Kompetenzen,  die Veränderungen in der Gesellschaft  in Bezug auf nachhaltige Entwicklung, aber auch eine kritische Selbstreflexion im Bezug auf den individuellen Lebensstil  ermöglichen, ist absolut notwendig um eine langfristige Zukunftsfähigkeit für eine Gesellschaft zu erreichen. Nicht umsonst ist dementsprechende Bildung auch zunehmend präsenter im politischen Diskurs geworden, sowohl auf globaler und internationaler als auch auf nationaler und regionaler Ebene.

Im Dezember 2002 beschloss die UN Generalversammlung mit der Resolution 57/25450 die Durchführung der Dekade „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung” (DESD - Decade for Education for Sustainable Development) in den Jahren 2005 bis 2014. Aufbauend auf dem Kapitel 36 der Agenda 21, das auf die Förderung der Schulbildung, des öffentlichen Bewusstseins und der beruflichen Aus- und Fortbildung und dem Entwicklungsziel, eine weltweite Grundbildung für Mädchen und Jungen gewährleisten zu können, abzielt, wurde die Wichtigkeit von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung hervorgehoben. Das Gesamtziel der DESD ist es, die Prinzipien, die Werte und die Praxis der nachhaltigen Entwicklung in alle Bereiche der Ausbildung und des Lernens zu integrieren. Diese pädagogische Bemühung soll Änderungen im Verhalten anregen und so eine nachhaltige Zukunft in Bezug auf Umwelt, ökonomische Entwicklungsfähigkeit und eine gerechte Gesellschaft schaffen. Als Vision der DESD gilt eine Welt, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, an eine grundlegende Bildung zu gelangen und davon zu profitieren und die Werte, das Verhalten und die Lebensstile zu erlernen, die für eine nachhaltige

Zukunft und einen positiven gesellschaftlichen Wandel vonnöten sind.

Das Jahresthema der DESD für 2010 ist übrigens „Geld”. Rund um das Thema Geld stellen sich viele wichtige Zukunftsfragen. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) muss solche Fragen aufgreifen und vermitteln, wie der Einzelnen mit seinem Handeln Einfluss auf globale Prozesse nehmen kann.

Es muss ganz allgemein, aber insbesondere sowohl  von politischen Entscheidungsträgern aber auch in der pädagogischen Forschung und Praxis erkannt werden, dass die Inhalte und Methoden der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung auf allen Ebenen besser heute als morgen realisiert werden müssen. „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung” ist mehr als nur ein politischer Slogan, es ist eine der größten und dringlichsten Herausforderungen unserer Zeit.

Nur durch eine strukturelle Reform des Bildungssystems können die optimalen Bedingungen für Bildung für nachhaltige Entwicklung geschaffen werden. Die in vielen Bundesländern etablierte frühe Selektion innerhalb der Schulsysteme erschwert beispielsweise kooperatives Verhalten und die Entfaltung individueller Potentiale und ist sozial nicht gerecht. Die Grüne Jugend hat über die letzten Jahre hinweg vielfältige Konzepte erarbeitet, wie eine Schule, ja ein Bildungssystem der Zukunft aussehen kann und muss. Nur durch fortwährendes Engagement kann Bildung für nachhaltige Entwicklung (zumindest) in der deutschen Bildungslandschaft verankert werden und damit der Grundstein für soziale Gerechtigkeit, den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen, den Erhalt der Natur und nachhaltiges Wirtschaften gelegt werden.

Weitere Informationen über Bildung für eine nachhaltige Entwicklung und die Ausgestaltung der UN-Dekade in Deutschland findet ihr auf der Internetseite der DESD: http://bne-portal.de

Sabine Ponath schloss im Juli 2008 ihr Studium als Magistra Artium in den Fächern Pädagogik, Soziologie und Psychologie ab. Seit Dezember 2008 ist sie persönliche Referentin im Bayerischen Landtag für Sepp Daxenberger. Anfang des Jahres erschien ihr Buch „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung - Dargestellt am Beispiel des Haus am Strom.” Sie ist im Bundesschiedsgericht der Grünen Jugend und Parteirätin im bayerischen Landesverband der Grünen.

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